Kla­ge­be­fug­nis des GbR-Gesell­schaf­ters in der Insol­venz der GbR

Wur­de über das Ver­mö­gen einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net, ist die von einem Gesell­schaf­ter gegen einen Gesell­schafts­gläu­bi­ger erho­be­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung, die­sem nicht per­sön­lich für eine Ver­bind­lich­keit der Gesell­schaft zu haf­ten, unzulässig.

Kla­ge­be­fug­nis des GbR-Gesell­schaf­ters in der Insol­venz der GbR

Der Zuläs­sig­keit des von dem Klä­ger erho­be­nen Fest­stel­lungs­be­geh­rens (§ 256 Abs. 1 ZPO) steht § 93 InsO entgegen.

Nach die­ser Vor­schrift kann im Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen einer Gesell­schaft ohne Rechts­per­sön­lich­keit die per­sön­li­che Haf­tung eines Gesell­schaf­ters für Ver­bind­lich­kei­ten der Gesell­schaft wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens nur von dem Insol­venz­ver­wal­ter der Gesell­schaft gel­tend gemacht wer­den. Von die­ser Rege­lung gehen zwei Wir­kun­gen aus, die Sperr­wir­kung und die Ermächtigungswirkung.

Die Sperr­wir­kung besteht dar­in, dass die Gläu­bi­ger nicht mehr gegen per­sön­lich haf­ten­de Gesell­schaf­ter vor­ge­hen kön­nen und die­se nicht mehr befrei­end an die Gläu­bi­ger der Gesell­schaft leis­ten kön­nen. Der Gläu­bi­ger kann wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens einen Haf­tungs­an­spruch gegen per­sön­lich haf­ten­de Gesell­schaf­ter weder durch Kla­ge noch durch Zwangs­voll­stre­ckung durchsetzen.

Die Ermäch­ti­gungs­wir­kung ver­leiht dem Insol­venz­ver­wal­ter über das Ver­mö­gen der Gesell­schaft die treu­hän­de­ri­sche Befug­nis, die For­de­run­gen der Gesell­schafts­gläu­bi­ger gegen die Gesell­schaf­ter gebün­delt ein­zu­zie­hen. Hier­bei han­delt es sich wie bei § 171 Abs. 2 HGB nicht um einen gesetz­li­chen For­de­rungs­über­gang. Der in Anspruch genom­me­ne Gesell­schaf­ter tilgt durch die Zah­lung an den Insol­venz­ver­wal­ter der Gesell­schaft kon­kre­te Gläu­bi­ger­for­de­run­gen, deren Selb­stän­dig­keit durch die Ver­fah­rens­er­öff­nung unan­ge­tas­tet geblie­ben ist.

Zweck der Rege­lung des § 93 InsO ist es, einen Wett­lauf der Gläu­bi­ger um die Abschöp­fung der Haft­sum­men zu ver­hin­dern, den Haf­tungs­an­spruch der Mas­se zuzu­füh­ren und auf die­se Wei­se den Grund­satz der gleich­mä­ßi­gen Befrie­di­gung der Insol­venz­gläu­bi­ger auf die Gesell­schaf­ter­haf­tung aus­zu­deh­nen. Die Ermäch­ti­gung des Ver­wal­ters zur Gel­tend­ma­chung der Haf­tungs­for­de­run­gen schließt in Ver­bin­dung mit der Sperr­funk­ti­on im Sin­ne einer Aus­schließ­lich­keits­er­mäch­ti­gung wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens eine Ver­fol­gung die­ser Ansprü­che gegen den Gesell­schaf­ter aus.

Sperr­wir­kung und Ermäch­ti­gungs­wir­kung begrün­den die allei­ni­ge Ein­zie­hungs- und Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters für die Gel­tend­ma­chung von Haf­tungs­an­sprü­chen der Gesell­schafts­gläu­bi­ger gegen Gesellschafter.

Bei der gericht­li­chen Gel­tend­ma­chung der Gesell­schaf­ter­haf­tung wird der Insol­venz­ver­wal­ter als gesetz­li­cher Pro­zess­stand­schaf­ter der ein­zel­nen Gläu­bi­ger tätig, weil der in Anspruch genom­me­ne Gesell­schaf­ter durch Zah­lung an ihn kon­kre­te Gläu­bi­ger­for­de­run­gen zum Erlö­schen bringt. Die Pro­zess­füh­rung für die Ein­zie­hung von For­de­run­gen gegen Gesell­schaf­ter liegt wäh­rend der gesam­ten Ver­fah­rens­dau­er allein bei dem Insol­venz­ver­wal­ter. Die Ein­zie­hungs­er­mäch­ti­gung des Insol­venz­ver­wal­ters umfasst damit auch die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis. Im Umkehr­schluss ver­lie­ren die Gesell­schafts­gläu­bi­ger die Ein­zie­hungs- und Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis für die Gel­tend­ma­chung von Haf­tungs­an­sprü­chen gegen die Gesell­schaf­ter. Mit­hin ist eine nach Ver­fah­rens­er­öff­nung von einem Gesell­schafts­gläu­bi­ger gegen einen Gesell­schaf­ter ver­folg­te Haf­tungs­kla­ge als unzu­läs­sig abzuweisen.

Wegen der allei­ni­gen Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters für die Ein­zie­hung der Ansprü­che erweist sich auch die von dem Klä­ger gegen die Beklag­te als Gesell­schafts­gläu­bi­ge­rin erho­be­ne, eine Haf­tung leug­nen­de Fest­stel­lungs­kla­ge als unzulässig.

Die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters als Ver­wal­ter der Mas­se erstreckt sich sowohl auf Aktiv­pro­zes­se als auch auf Pas­siv­pro­zes­se. Die dem Insol­venz­ver­wal­ter in § 93 InsO vor­be­hal­te­ne Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis für die Gel­tend­ma­chung von Haf­tungs­an­sprü­chen gegen Gesell­schaf­ter umfasst eben­so Aktiv­pro­zes­se und – wie im Streit­fall – Pas­siv­pro­zes­se. Ganz all­ge­mein ist zur Pro­zess­füh­rung über For­de­run­gen, wel­che die Gesell­schaf­ter­haf­tung betref­fen, nur der Insol­venz­ver­wal­ter befugt. Eben­so wie der Gesell­schafts­gläu­bi­ger gehin­dert ist, den Gesell­schaf­ter in Regress zu neh­men, fehlt umge­kehrt dem Gesell­schaf­ter die Befug­nis, sich durch die Kla­ge gegen einen Gesell­schafts­gläu­bi­ger sei­ner Haf­tung zu erweh­ren. Hät­te die hier erho­be­ne Fest­stel­lungs­kla­ge Erfolg, stün­de rechts­kräf­tig fest, dass die Beklag­te den Klä­ger nicht als Gesell­schaf­ter der Schuld­ne­rin in Anspruch neh­men kann. Damit wür­de jedoch dem Insol­venz­ver­wal­ter die ihm durch § 93 InsO kraft der Ermäch­ti­gungs­wir­kung vor­be­hal­te­ne Ein­zie­hungs- und Pro­zess­füh­rung ent­zo­gen. Wür­de die nega­ti­ve Fest­stel­lungs­kla­ge hin­ge­gen aus sach­li­chen Grün­den abge­wie­sen, hät­te das Urteil die­sel­be Rechts­kraft­wir­kung wie ein Urteil, wel­ches das Gegen­teil des­sen, was mit der nega­ti­ven Fest­stel­lungs­kla­ge begehrt wird, posi­tiv fest­stellt. Dann stün­de fest, dass die Beklag­te als Gesell­schafts­gläu­bi­ge­rin gegen den Klä­ger als Gesell­schaf­ter Rück­griff neh­men kann. Ein sol­ches von dem Gesell­schafts­gläu­bi­ger erstrit­te­nes Erkennt­nis wäre jedoch, weil der Klä­ger auf der Grund­la­ge des Fest­stel­lungs­ur­teils nicht befrei­end an die Beklag­te leis­ten dürf­te, mit der in § 93 InsO zu Guns­ten des Insol­venz­ver­wal­ters ver­an­ker­ten Sperr­wir­kung unver­ein­bar. Bei die­ser Sach­la­ge erweist sich die hier erho­be­ne Kla­ge als unzulässig.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Juli 2012 – IX ZR 217/​11